In der öffentlichen Wahrnehmung sind Physiotherapeuten noch immer vor allem Handwerker oder Mechaniker am menschlichen Körper, die mit ihren Händen arbeiten, um Gesundheitsprobleme zu lösen.
Darstellungen unserer Tätigkeit auf den Websites von Praxen oder in Zeitschriften zeigen in der Regel manuelle Techniken. Patienten erwarten vielfach, auch aus Vorerfahrung, manuelle Behandlungen.
In den Physiotherapieschulen herrscht oft ein weitgehend manuell-strukturelles Paradigma. Dabei wird ein Großteil der Lernzeit in Bezug auf therapeutische Maßnahmen für passive Interventionen aufgewandt. Nach der Ausbildung wird dann der manuelle Fokus durch die Erlangung des MT-Zertifikates weiter gefestigt, wodurch für viele Berufsanfänger der Eindruck entsteht, dass die manuelle Behandlung die hohe Kunst der Physiotherapie sei.
Demgegenüber gibt es einen Wandel - „Therapie ist Training“ heißt es da, oder „Belastbar durch Belastung“. Hier bildet die aktive Therapie das Kerngeschäft und passive Maßnahmen treten in den Hintergrund. Viele Dinge, die früher noch als die wichtigsten Werkzeuge galten, so zum Beispiel die Palpation, verlieren hier zunehmend an Bedeutung. Diese veränderte Sichtweise auf die Physiotherapie hat sich im Zuge der kritischen, wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit biomedizinischen Modellen gebildet.
Dieser Paradigmenwechsel vollzieht sich bereits seit vielen Jahren - ein Wandel von der alten manuell geprägten, strukturbezogenen Physiotherapie, hin zu einer neuen, mehrdimensionalen, biopsychosozialen Therapie, die die Aktivität und Belastbarkeit des Menschen in den Fokus stellt. Der Therapeut sieht sich hierbei nicht mehr in der Rolle des klassischen Behandlers eines passiven Patienten, sondern als Experte für die Steuerung von Belastung und Adaption eines aktiven, selbstwirksamen Patienten.
Das niederländische Mehrdimensionale Belastungs- und Belastbarkeitsmodell (MDBB) bietet die Möglichkeit einer verständlichen und klaren Orientierungshilfe für das physiotherapeutische Denken und Handeln. Egmond und Schuitemaker haben das Modell in ihrem Buch „Extremitäten“ (2011) für die Manuelle Therapie ausführlich beschrieben. Dieser Text soll eine neue Ausformulierung des Modells bieten, grenzt sich dabei ab vom manualtherapeutischen Fokus und zeigt konkrete aktivitätsbezogene und leitliniengetreue Interventionen. Er ist zugeschnitten auf die Bedürfnisse einer aktiven Therapie mit dem Ziel der Steigerung der Belastbarkeit, deren Hauptgebiete die Bewegungstherapie und begleitende Edukation darstellen.
Die Darstellung des MDBB ist nicht in klassisch linearer Buchform konzipiert, sondern in Form einer Modellstruktur, die einen roten Faden für die physiotherapeutische Praxis bietet. Der Fahrplan beinhaltet klare Handlungsanweisungen für das Clinical Reasoning und die sich daraus ergebenden Zielsetzungen und Interventionsmöglichkeiten. Er bündelt darüber hinaus das notwendige Fachwissen und setzt es in direkten Bezug zur Praxis.
Der übergeordnete Rahmen ist gebildet durch die drei Begriffe Befundung, Planung und Intervention, die zusammen die Gesamtheit der physiotherapeutischen Tätigkeit beschreiben. Unter diesen drei Begriffen folgen weitere Kategorien, die zunächst in übergeordneter Weise Modelle, Konzepte oder Schemata beschreiben und sich dann über verschiedene Ebenen weiter auffächern. Sie reichen hinunter bis auf die grundlegenden Wissensebenen zum Beispiel der Nozisensorik oder des Aufbaus von Bindegewebe. Hierbei soll ausschließlich praxisrelevantes Wissen vermittelt werden.
Die multidirektionale Struktur des Textes ergibt sich aus der Verlinkung der Begriffe untereinander, sodass der Leser nach Belieben den begrifflichen Pfaden folgen kann. Um die Orientierung nicht zu verlieren, dienen das Clinical Reasoning und die Interventions-Struktur als übergeordneter Fahrplan. Dieser Plan kann auf der einen Seite zum Lernen und besseren Verständnis der begrifflichen Zusammenhänge verwendet werden, dient aber auch als direkte physiotherapeutische Handlungsanweisung.
Der Fahrplan Physiotherapie ist explizit für die Therapie muskuloskelettaler Gesundheitsprobleme entworfen.
Die gegebenen Informationen sind durch Quellenangaben in einer Literaturliste belegt und entsprechen der evidenzbasierten sogenannten Best Practice.
Dieser Text ist ein offenes, sich entwickelndes Projekt, wobei Kritik und Feedback jederzeit willkommen sind.