# Therapie Die Therapie beschreibt den gesamten physiotherapeutischen Prozess aus Befundung, Planung, Intervention und Evaluation. Auf den Begriff "Behandlung" wird verzichtet, da er häufig mit passiven manuellen Interventionen assoziiert ist. # Definition Physiotherapie "Physiotherapie ist die Expertise zur funktionell orientierten Verhaltensänderung über biopsychosoziale Strategien, die alle das gemeinsame Ziel, eine Belastbarkeitsoptimierung, auf individueller Ebene darstellen." (1) Physiotherapie zielt auf den Erhalt, die Entwicklung und die Wiederherstellung von Funktionen und Aktivitäten durch aktive, belastungsprogressive und evidenzbasierte Interventionen. # Interventionen und Wirkmechanismen Aktiv wird die Therapie durch Mitwirken des Patienten. Die Therapie zielt darauf den Patienten im Umgang mit seinem Gesundheitsproblem zu begleiten und seine Kompetenzen hinsichtlich des Selbstmanagements zu steigern. Wir nutzen Aktivitäten, um über angepasste und progressive Belastungsreize Adaptionsprozesse auszulösen und Belastbarkeiten zu steigern. Die Belastungssteuerung stellt hierbei das zentrale Aufgabenfeld dar. Grundaktivitäten bilden die Basis der Therapie. Sie dienen als Referenzpunkte der körperlichen Fähigkeiten und Einschränkungen und sind die Grundlage bewegungstherapeutischer Übungen. Übungen sind Variationen der Grundaktivitäten und darauf ausgerichtet, spezifische Funktionen durch Prävention zu erhalten und auszubauen oder in der Rehabilitation wiederherzustellen. Passive, kompensatorische Maßnahmen zur Symptomlinderung wirken neuromodulativ und sind supportiver Teil einer übergeordneten aktiven Therapie. Viele physiotherapeutische Interventionen kommen ohne passive Maßnahmen aus. # Theorie und Modell Das MDBB wird im Fahrplan als physiotherapeutisches Rahmenmodell genutzt, um die komplexen Wechselwirkungen zwischen Belastung, Belastbarkeit und Kontextfaktoren zu erfassen. Mithilfe dieses Modells gestalten wir den therapeutischen Kontakt, strukturieren das Clinical Reasoning mit Fragen und Zielen und klären den Patienten über Möglichkeiten und Grenzen der Therapie auf. # Standardisierung und Professionalisierung Zur Qualitätssicherung und Kompetenzsteigerung finden regelmäßige Supervisionen (Therapiebesuche und anschließende Reflexion) und interne/externe Fortbildungen statt. Therapieprinzipien dienen als Wegweiser in der Praxis. # Rolle im Gesundheitssystem Wir übernehmen Verantwortung und wollen die Relevanz der Physiotherapie steigern, indem wir durch einen Erstkontakt/Direktzugang das ärztliche System entlasten, Überversorgung reduzieren und die Patientenversorgung verbessern. Hierzu bilden wir Kompetenzen in Screeningverfahren und der Differentialdiagnostik aus und nutzen das Flaggen-System im Zuge der Befundung und Therapie. # Therapieprinzipien ## primum non nocere, secundus cavere, tertium sanare 1. Schaden vermeiden durch: - strukturelles, nozebisches Wording - falsche Belastungssteuerung - invasive passive Behandlungen oder passiven Fokus 2. Risiken reduzieren durch: - Screening - Clinical Reasoning - evidenzbasierte Praxis 3. Wirkung erzielen durch: - Adaption und Kompensation - Aufklärung - Motivation und Steigerung der Selbstwirksamkeit ## individuell - patientenorientiert - kontextsensibel Therapie orientiert sich an individuellen Zielsetzungen, Erwartungen und Belastbarkeiten. Sie beachtet den biopsychosozialen Kontext, in dem sich der Patient bewegt. ## fair - verantwortungsvoll - abhängigkeitsvermeidend - integer Interventionen werden nur bei therapeutischer Indikation durchgeführt und beendet, wenn kein weiterer Nutzen zu erwarten ist. Patienten werden nicht in Abhängigkeit gebracht und Therapie findet auf Zeit statt und ist auf Selbstständigkeit ausgerichtet. ## evidenzbasiert - indiziert - wissenschaftlich - interdisziplinär - kritisch Die Therapie erfolgt im Rahmen physiotherapeutischer Indikationsstellung. Sie basiert auf wissenschaftlicher Evidenz und orientiert sich an aktuellen Leitlinien. Die physiotherapeutische Praxis entwickelt sich fortlaufend und erfordert ständige kritische Überprüfung. Nur weil etwas "immer funktioniert" hat, kann es trotzdem überholt sein. Fachlicher Austausch ist notwendig, um Qualität zu sichern und weiterzuentwickeln. Es finden regelmäßige Supervisionen durch Therapiebesuche und Reflexionen statt und fachliche Kompetenz wird gesteigert, indem interne und externe Fortbildungen besucht und durchgeführt werden. ## funktionell - aktivitätsbezogen - praktikabel - effizient Die Therapie hat einen funktionellen Fokus und nutzt Aktivität, um über Belastungen gezielt Belastbarkeiten zu erhöhen. Strukturelles Wording wird zurückhaltend eingesetzt, nozebisch wirkende Beschreibungen von Pathologien und Katastrophisierungen werden vermieden. Maßnahmen werden so gewählt, dass sie praktikabel, umsetzbar und gut in den Alltag des Patienten zu integrieren sind. Effizient wird die Therapie durch einen Fokus auf mittel- und langfristig wirksame therapeutische Effekte und indem der Therapeut über Frequenz und Dauer der Therapie entscheidet. ## nachhaltig - systemrelevant - selbstwirksamkeitsfördernd - ressourcenschonend - wirtschaftlich - sicher Physiotherapie ist relevant im Gesundheitssystem, zeichnet sich durch ihre hohe Kompetenz in Bezug auf die konservative Therapie muskuloskelettaler Beschwerden aus und besitzt ein eigenständiges Profil innerhalb verwandter Gesundheitsberufe, wie Sporttherapeuten, Fitnesstrainern, Osteopathen oder Masseuren. Sie zielt auf die Vermittlung langfristiger Gesundheitskompetenz, wirkt somit immer auch präventiv und zielt auf nachhaltige therapeutische Effekte, die über reine Symptomlinderung hinausgehen. Interventionen berücksichtigen individuelle und gesellschaftliche Ressourcen (Zeitaufwand, gesellschaftliche Kosten), sowie die Sicherheit in Bezug auf die Gesundheit von Patienten und Therapeuten. ## einfach - verständlich - erlernbar - reproduzierbar - transparent Der therapeutische Prozess soll nachvollziehbar, umsetzbar und gut kommunizierbar sein. Ein klares aktivitätsbezogenes Narrativ bestärkt den Patienten in seiner Selbstwirksamkeit und unterstützt eine aktive Bewältigungsstrategie. # Paradigmenwechsel der modernen Physiotherapie - vom biomedizinischen zum biopsychosozialen Denken - Beschwerden werden nicht mehr nur als Ausdruck von Gewebeschaden und strukturellen Veränderungen gesehen, sondern sind ein emergentes Phänomen biologischer, psychischer und sozialer Faktoren. Der Mensch wird als komplexes biologisches System betrachtet, nicht als Maschine. - vom pathoanatomischen zum funktionellen und mechanismenbasierten Reasoning - Ein hoher Anteil an strukturellen Auffälligkeiten bei asymptomatischen Menschen durch Bildgebungsverfahren zeigt, dass es nur wenig Korrelation zwischen Struktur und Beschwerden gibt. Strukturelle Assessments haben somit eine geringe prognostische Relevanz bei unspezifischen Beschwerden, wodurch sich der Fokus Richtung funktionellem und mechanismenbasiertem (nozizeptiv/neuropathisch/noziplastisch) Reasoning verlagert. - von passiver zu aktiver Therapie - Passive Maßnahmen zeigen kleine, kurzfristige Effekte und meist nur kurzfristigen zusätzlichen Nutzen. Sie wirken überwiegend über Kontexteffekte und kurzfristige Neuromodulation und werden supportiv eingesetzt. Aktive Maßnahmen zeigen kleine bis moderate Effekte und bieten langfristigen Nutzen, indem sie das System durch Adaption verändern und zur Steigerung der Selbstmanagementkompetenz beitragen. - von technik- und therapeutenzentriert zu kontextsensibel und patientenorientiert - Die Therapie ist wesentlich bestimmt durch Kontextfaktoren, Kommunikation und die Therapeuten-Patienten-Beziehung. - von reiner Informationsgabe zum fortlaufenden Dialog - Der Schwerpunkt im Gespräch verschiebt sich von reiner Wissensvermittlung hin zu fortlaufender Kommunikation während der Therapie mit dem Ziel Überzeugungen zu verändern, Angst zu reduzieren und graduierte Aktivitätssteigerungen zu erzeugen. - von erfahrungsbasierter Praxis und intuitiver Entscheidungsfindung zu evidenzbasierter Praxis und leitliniengestützter klinischer Entscheidungsfindung - Leitlinien und Clinical-Reasoning-Modelle sowie die fortlaufende kritische Auseinandersetzung mit wissenschaftlicher Evidenz, tragen zu einem transparenten und strukturierten Therapieprozess bei und verbessern die Versorgungsqualität. # Geschichte # Literatur 1. Alt, A., Herbst, M. & Reis, J. (2022). Physiotherapie Grundlagen (3. Aufl.). Amazon & Books